Norbert W. Schultz
Praxis für Musiktherapie und Lebensgestaltung

Unsere Seele hat viele Saiten.

Musik lässt sie alle erklingen.

Interview mit Michael Bohne "Der Körper in der Prozess- und Embodimentfokussierten Psychologie:

PRISMA
30 DZzH 2 / 2017


Michael, wie beschreibst du in wenigen Sätzen die wesentlichen
Elemente von PEP, der Prozess- und Embodimentfokussierten
Therapie?


PEP ist eine Kombination verschiedenster Ansätze. Es umfasst
psychodynamische und hypnosystemische, aber auch transgenerationale
und verhaltenstherapeutische Aspekte, Annahmen,
Interventionen und Strategien. Darüber hinaus gehört zu PEP
das sogenannte Klopfen von Körperpunkten, ganz konkret von
Akupunkturpunkten, wie es zunächst in der Applied Kinesiology
(George Goodheart) und dann in der sogenannten Energetischen
Psychologie (Fred Gallo, Roger Callahan, Garry Craig) beschrieben
wurde. Hierbei handelt es sich um eine, wie man heute sagen
würde, Bottom-up-Technik, also ein Verfahren, das zentralnervöse
Aktivierungen und Erregungen, wie z. B. ein Angstsymptom oder
eine traumatische Erinnerung, über eine haptische Stimulation via
Hauptoberfläche zu beeinflussen sucht.


Du verbindest also Affirmationen, hypnotherapeutisch
gesprochen Autosuggestionen, mit dem Beklopfen von Akupunkturpunkten.
Wenn du sozusagen an die Tür des Körpers
klopfst, was bewirkt dieses zusätzliche haptische Element
über die Autosuggestion hinaus?


Ich verbinde nicht die Affirmationen mit dem Klopfen, sondern mit
einem kreiselnden Hautstimulus. Unsere Erfahrung hat gezeigt,
dass Affirmationen sich dadurch leichter, besser, gefühlt tiefergehender
aussprechen lassen, was zunächst nur eine klinische Beobachtung
war. Ernil Hansen hat in einer Studie zu Autosuggestionen
die Wirkung von Suggestionen auf die Atemtiefe untersucht. Dabei
ist herausgekommen, dass individuelle, die Atmung stärkende
Affirmationen wirksamer waren als Standardaffirmationen. Das
überrascht nicht. Überrascht hat aber, dass die größte Wirkung
auf die Atemtiefe von der Affirmationsstruktur der Selbstbestätigungsaffirmation
ausging, wie wir sie auch in der PEP nutzen:
Auch wenn mir ab und zu die Luft fehlt, achte und schätze ich mich
so, wie ich bin. Es scheint so zu sein, dass eine Aktivierung des
haptischen Systems bei gleichzeitigem Aussprechen einer Autosuggestion
oder Affirmation diese stärker wirken lässt.


Du stimulierst Akupunkturpunkte. Die traditionelle chinesische
Medizin trennt nicht zwischen Soma und Psyche, sondern
ordnet als assoziatives System z. B. Organe und Emotionen
einander zu. Welche Rolle spielt dieses Denken in
deiner Arbeit?


Na ja, ich würde schon zwischen Soma und Psyche unterscheiden.
Alles andere ist für uns als westliche Beobachter eine Überforderung.
Wenn ich einen haptischen Stimulus setze, also die Haut
mittels Klopfen reize, ist dies zunächst ein physischer Reiz, der
eine ganze Kettenreaktion an endogenen Botenstoffen freisetzt.
Als Wirkhypothesen des Klopfens seien stichwortartig folgende
Aspekte aufgeführt: Aktivierung des dopaminergen Belohnungssystems
durch Selbstwirksamkeitserfahrung und Steigerung der
Autonomie, Steigerung der Oxytocinausschüttung durch haptische
Stimuli, Zunahme des kortikalen Blutflusses durch haptische Stimuli
(Whisker Study1), Freisetzung von Serotonin, Endorphinen und
Endocannabinoiden durch Hautstimulation (bekannt aus der Akupunkturforschung).
Gleichzeitig ist es eine leibliche Ichzuwendung
und eine Ich-jetzt-hier-Welterfahrung. Die sog. Whisker-Studien
haben ergeben, dass haptische Stimuli die kortikale Durchblutung
erhöhen, was vermutlich dazu führt, dass kortikale Zentren wieder
anspringen, also die Großhirnrinde ihre Funktion besser übernehmen
kann.
Es gibt eine Fülle an Wirkhypothesen aus der Neurobiologie und
Haptikforschung. Ob Akupunkturpunkte überhaupt etwas mit den
sogenannten Meridianen zu tun haben, ist letztendlich ungeklärt.
Ob es so etwas wie Meridiane gibt, ist auch nicht geklärt. All dies
soll nicht in Abrede stellen, dass Akupunktur eine hochwirksame
Intervention ist, die Wirkwege sind jedoch noch nicht überzeugend
geklärt. Mehr dazu habe ich an anderer Stelle veröffentlicht (1).
Nach meiner Beobachtung gibt es keine Punktspezifitäten, also
die Zuordnung gewisser Themen zu einzelnen Akupunkturpunkten.
Auch Forschungsarbeiten aus der modernen chinesischen
Akupunkturforschung haben dies ergeben (siehe Bohne, 2010).
Die verschiedenen Klopftechniken nutzen unterschiedliche Klopfpunkte
und Klopfabfolgen und alle diese Techniken machen gute
Erfahrung mit der Emotionsregulation. Das ist ein klinisch deutlicher
Hinweis, dass es egal ist, wo man klopft. Es geht um die
Aktivierung des haptischen Systems, im Grunde egal wo. Einzige
Einschränkung: Man sollte die Haut im Gesicht und an den Fingerkuppen
miteinbeziehen, da sie aufgrund der höheren nervalen
Versorgung bei Stimulation mehr kortikale Aktivierung verursachen.
Es scheint so zu sein, dass der Grad der zentralen Aktivierung
durch afferente (hier haptisch bedingte) Impulse eine direkte
Auswirkung auf den Grad der Affektregulation hat.
Um die Wirkmechanismen besser zu verstehen, führen wir in der
Abteilung für Neuroradiologie der Medizinischen Hochschule Hannover
(MHH) mehrere bildgebende Studien mittels fMRT durch. In
einer Studie geht es um Affektregulation mittels Klopfen. In einer
anderen, von der Deutschen Parkinson Gesellschaft geförderten
Studie geht es um PEP als Intervention bei Ängsten und depressiven
Symptomen bei Parkinsonpatienten. Und in einer dritten, mit
53.000 Euro durch Crowdfunding finanzierten Studie soll Aviophobie
(Flugangst) klinisch und mittels fMRT untersucht werden. Die
ersten Ergebnisse werden zeitnah veröffentlicht.


Auch die Kinesiologie ist ein Verfahren, bei dem Hand angelegt
wird. Welche Bedeutung hat der haptische Zugang hier?


Die Kinesiologie und auch die Applied Kinesiology nutzen den
Muskeltest zu diagnostischen Zwecken. Das hat in der Körperdiagnostik
und -behandlung auch einen Sinn. Fred Gallo und andere
Vertreter der energetischen Psychologie haben den Muskeltest
zum Auffinden von emotionalen und kognitiven Blockaden verwandt,
was nach meiner Erfahrung eher problematisch ist. Unsere
moderne Vorstellung von Psychotherapie und noch mehr von Coaching
ist, dass die Prozesse eine hohe Transparenz haben und die
Klienten einen großen Part an Selbststeuerung haben sollten. Dies
wird durch die Nutzung des Muskeltests unterwandert. Der Klient
muss die Kontrolle komplett abgeben und sich dem Ergebnis des
Muskeltests hingeben. Ganz schrecklich wird es, wenn Anwender
der Meinung sind, dass der Test mehr Wahrheit beinhaltet als das,
was der Klient sagt, nach dem Motto, ihr Muskel hat es doch gerade
gezeigt, also ist dieses Ergebnis wahrer als das, was Sie meinen
oder erinnern. Da ist dem Machtmissbrauch Tür und Tor geöffnet.
Wir mussten auf der 1. Tagung für Energetische Psychotherapie in
Heidelberg einige sehr obskure Muskeltestanwender erleben. Für
mich war in dem Moment klar, dass der Muskeltest nichts in der
abendländischen Psychotherapie verloren hat. Wenngleich ich die
Faszination an diesem Instrument, das einige im Feld hatten und
haben, verstehen kann. Ich selbst fand es eher unbefriedigend,
binäre Ja-Nein-Antworten zu erhalten. Ich habe den Muskeltest zu
einem Instrument Namens Kognitions-Kongruenz-Test weiterentwickelt,
in dem der Klient eine provokative Testaussage tätigt – z. B.
„Meine Eltern erlauben es mir, erfolgreich und glücklich zu sein“
– und dann reinspürt, wie stimmig sich die Aussage anfühlt. Das
koppelt eher an die Hypnotherapie oder an die Intuitionsforschung
an und an das, was Gendlin als „felt sense“ beschrieben hat. Bei
diesem Vorgehen kommen keine binären Ja-Nein-Antworten auf,
sondern eher komplexe ideodynamische Reaktionen, die deutlich
Hinweise auf unbewusste Dynamiken geben. Auch spült man auf
diese Weise weit mehr unbewusstes Material hoch als durch das
Stellen einer Frage. Fragen aktivieren einen Denkprozess, während
das Aussprechen der Testsätze einen Spürprozess aktiviert.


Sowohl Klopftechniken als auch die Kinesiologie führen
nicht nur den Körper des Klienten, sondern auch den Körper
des Therapeuten spürbar in die Therapie ein. Welches Erfahrungsfeld
hat sich dadurch für dich persönlich eröffnet?
Wie gesagt, beim Muskeltest bin ich befangen, da kritisch, aber
das gemeinsame Klopfen führt zu richtig guten Kooperationsbeziehungen.
Ich vermute, dass die beiderseitige Oxytocinausschüttung
durch die haptischen Stimuli beim Selbstbeklopfen
sich günstig auf den Rapport auswirkt, denn Oxytocin ist auch ein
Bindungshormon.


Michael, meine Fragen drehten sich um das Thema: Wie
wirkt sich die Einführung kinästhetischer Elemente auf psychotherapeutische
Prozesse aus? Das Interesse an diesem
Thema kommt nun aber aus einem medizinischen Bereich,
in dem das Haptische seit eh und je zum Handwerk gehört.
Die Diskussion um Placebo-/Nocebowirkung im ärztlichen
Sektor macht deutlich, dass in der Arzt-Patient-Beziehung
eine erhöhte Suggestibilität ohne formale Tranceinduktion
vorliegt. Was können Ärzte aus den psychotherapeutischen
Erfahrungen mit Bottom-up-Techniken lernen, wenn
es darum geht, diese erhöhte Beeinflussbarkeit besser zu
verstehen?


Der psychotherapeutische Prozess unterliegt wie die konventionelle
Arzt-Patient-Beziehung kommunikativen Grundgesetzen, die
sich u. a. über Spiegelneuronenaktivierung von einer Person auf die
andere übertragen. Interessanterweise sprechen wir in der Psychotherapie
auch von Übertragung und Gegenübertragung. Deshalb
können sich Behandler an der Hoffnungslosigkeit und Ohnmacht
ihrer Klienten infizieren, und die innere Haltung des Therapeuten
hat direkte Wirkung im Klienten.
Neulich habe ich die Placeboforscherin Prof. Ulrike Bingel auf der
Sylter Anästhesietagung gehört: Sie wies darauf hin, dass einer
der mächtigsten Wirkfaktoren des Placeboeffekts in der Aktivierung
einer positiven Heilungserwartung liegt. Das heißt, alles, was
wir als Psychotherapeuten und Ärzte tun, sollte die positive Heilungserwartung
unterstützen. Was zu einer Abnahme der positiven
Heilungserwartung oder zu einem Heilungsnihilismus führt, wäre
ein Kunstfehler, da er Noceboeffekte aktiviert. Wenn ich mir weite
Teile unserer Psychotherapielandschaft anschaue, vor allem die
Richtlinien- und die konventionellen Ansätze, dann kann ich diese
konsequente zuversichtliche Grundhaltung zur Aktivierung positiver
Heilungserwartung leider häufig nicht erkennen.
Ich würde dringend raten, diese kommunikativen, szenischen,
atmosphärischen, interpersonellen Wirkfaktoren nicht weiter als
Placeboeffekt abzutun, sondern als Sanaboeffekt zu bezeichnen.
Placebo bedeuten „ich werde gefallen“ und impliziert, da
ist nichts drin. Sanaboeffekt bedeutet „ich werde heilen“ und
trifft das, was interpersonell übertragen wird, meines Erachtens
wesentlich besser. Wenn wir von Placeboeffekten als wesentlichen
Wirkfaktoren in der Psychotherapie sprechen, würden wir sagen,
da sei nichts drin und Psychotherapie im Übrigen eine oberflächliche
„gefallen wollen“-Veranstaltung. Ich finde, dass wir damit
einen wesentlichen, hochspezifischen Wirkfaktor der Medizin und
Humanwissenschaften entwerten und diskreditieren. Der Begriff
Sanaboeffekt ist wohl von dem Schweizer Arzt und Hypnotherapeuten
Hans Wehrli eingeführt worden.
Die Frage, was Ärzte aus den psychotherapeutischen Erfahrungen
mit Bottom-up-Techniken lernen können, verstehe ich nicht richtig.
Also vielleicht mal so formuliert: Haut und Gehirn waren embryogenetisch
ein Keimblatt und sind von daher auch im weiteren
Leben gut verdrahtet. Vielleicht hilft die Erkenntnis, dass Ängste
und Traumata im Körper abgespeichert werden. Mangelndes Verstehen,
dass der Körper stark auf die Psyche einwirkt, ist, glaube
ich, nicht das Problem von uns Ärzten. Da haben es die kognitionsund
verhaltensorientierten Psychologen, in deren Ausbildung das
Thema Embodiment leider kaum vorgedrungen ist, viel schwerer.
Aber manchen mögen der Glaube und die Vorstellung fehlen, dass
man ausgeprägte Ängste und Traumata relativ leicht mittels Klopftechniken
auflösen kann. Da lade ich ein, es einfach mal auszuprobieren.
Erkenntnis ist erfahrungsabhängig. Ohne Erfahrung keine
Erkenntnis. Also: „Hands on!“
Vielen Dank für das Gespräch, Michael.
Literaturhinweis:
(1) Bohne, M. (Hrsg.): Klopfen mit PEP. Prozess- und Embodimentfokussierte
Psychologie in Therapie und Coaching. Heidelberg: Carl
Auer Verlag, 2010.
1 Siehe http://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.
pone.0011270.

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